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PNN 26.01. 205

Skulpturale Chiffren
Arbeiten aus Papier und Stahl von Stephan J. Möller in der Galerie Ruhnke

Was sollen diese Zeichen? Als schwarze und rote Balken stehen sie vor Augen. Gleich Individuen scheinen sie lebendig und vor einem kaum angedeuteten, weiten Bildraum zu schweben. Zugegeben, die Arbeiten sind nicht ganz neu, sondern aus den Jahren 2000 und 2002. Und eingestanden, dass ihr Schöpfer Stephan J. Möller in Potsdam und Brandenburg kein Unbekannter ist. Seit 2000 sitzt er im Vorstand des BVBK, im vorletzten Jahr stellte er mit der Künstlergruppe Tooon auf der Freundschaftsinsel, im letzten Jahr mit seinem Verband im Kunstort Liebenberg aus und gewann 2002 einen Wettbewerb in Brandenburg an der Havel.

Und doch ist die mit 80 Arbeiten - darunter viele Grafiken - gut gefüllte Ausstellung in den fünf Räumen der Galerie Ruhnke mehr als die Begegnung mit Bekanntem - oder gar all zu Bekanntem. Das Galeriekonzept sieht vor, nicht allein neuere Werke, sondern die Ent..........(?) Die aktuell gezeigten Arbeiten auf Papier und aus Stahl sind im Zeitraum von 1992 bis 2005 entstanden. Sie umreißen damit recht genau das gute Jahrzehnt, in dem sich Möller mit dem Arbeiten in Jahre zog er sich in das ländliche Hohenbruch bei Kremmen zurück. Zuvor hatte er an der Hochschule in Berlin-Weißensee studiert, unter anderen bei Werner Stötzer. Seine Skulpturen waren auf der neunten sowie der zehnten Kunstausstellung in Dresden zu sehen.

Mit Recht nennt sich Möller seit dieser Zeit einen Bildhauer. Solide und gegenständlich sind die Figuren aus Bronze, Gips und Blei dieser Jahre. Doch schon bald drängte es ihn zur formalen Abstraktion, auf einen Weg, den er bis heute konsequent weiterverfolgt. Seine in kleiner Auswahl gezeigten figürlichen Prägedruck-Arbeiten aus den 90ern verraten eine konstruktive, räumliche Vorstellung. „Der Männliche II" ist zwar aus breiteren Strichen gebildet, besteht aber aus kräftigen Volumen und zeigt einen Mann, der sich ausgreifend im Raum dreht. Deutlicher noch wirken die Flächen und Kraftlinien der dynamischen „Sitzenden Figur" wie die Ideenskizze eines Bildhauers, allerdings von einem, der auch mit Kohle und Farbe auf Papier umzugehen versteht.

Diese Entwicklung im Blick lassen sich die erwähnten Blätter der Frottage-Tusche-Serie „Wachstum" auch figürlich verstehen. Die schwarzen und roten Balken erscheinen als Individuen und Gruppen. Zugleich aber sind sie mehr als in der Fläche gebannte Körper, nämlich formal abstrakte Zeichen von eigenem Leben und Logik. Da stört es nicht, dass sie an Skulpturen oder Blätter Chillidas erinnern. Denn Möller steht zu ihnen als Lernender, nicht als kopierender Epigone. Und wie er mit seinen Figuren - Notaten vom Drei- ins Zweidimensionale strebte, brach er in seinen „Schnittbildern" die Fläche wieder auf, indem er ohne Stift Geraden, Kuben und Räume zeichnete. Sein Griffel war ein Messer. Und immer neu zeichnet das Licht Linien aufs Papier, wenn es über das Relief streicht.

Dass auch sein bildhauerisches Schaffen von den grafischen Übungen profitierte, zeigt Möllers Wandrelief „Torso" von 2002. Von links und rechts treffen rostende Stahlplatten in der mittleren Senkrechten aufeinander. Sie sind zu einem verschweißten Grat aufgeschoben, der poliert und somit einfach, aber eindrucksvoll betont ist.

Dann griff Möller wieder zum Papier, diesmal schwarz und fein zerknüllt, um größere, einfache Formen im Relief zu suchen. Und in Papier wie in Stahl gleichermaßen scheint ihm jede Form kostbar zu sein, setzt er seine Mittel doch sparsam ein. Das wirkt nicht ängstlich, sondern einfühlsam und abwägend. Zugleich schärft es den Blick.

Einen Höhepunkt oder die eine herausragende Arbeit bietet die Ausstellung nicht, vielmehr eine Vielheit von Sichtweisen und unterschiedliche, aber doch verwandte Werke. Und in mancher Zusammenstellung steigern sich Skulptur und Papierarbeit gegenseitig. So erscheint „Schreitender", eine auf zwei sanft geschwungene Zeichen reduzierte Stahlfigur, vor den schwarzen Papierreliefs voller Dynamik. Oder lassen die bei aller Dunkelheit leichten Papierarbeiten den Schritt des Gehers wuchtig erscheinen? Die Arbeiten des Bildhauers in museal anmutender Breite vor Augen geführt und durch die Auswahl lesbar gemacht zu haben, ist das Verdienst der sehenswerten Schau.

Götz J. PFEIFFER

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MAZ 29.01.2005

In seiner fünften Ausstellung präsentiert Galerist Werner Ruhnke mit dem Bildhauer Stephan J. Möller einen sehr vielseitigen Künstler, der in seinem Schaffen die Grenzen der Bildhauerei längst überschritten hat. In seinen Arbeiten geht er grundsätzlich von der menschlichen Figur aus, sie wird aber weitestgehend reduziert, modifiziert und auch experimentierend zur Freisetzung innerer Bilder gewandelt. Bei Möller ist Kunst nicht Mittel zur Reproduktion der Wirklichkeit, sondern Schöpfungsakt parallel zur Natur.

Dabei gibt es Skizzen, die lange Zeit bis zur Umsetzung reifen, aber auch Arbeiten, die sehr spontan entstehen. Obwohl sich die Kompositionen völlig vom Abbildhaften lösen, erhalten sich Wesenselemente, die schließlich imaginabel auf den Ursprung zurückführen. In Plastik wie auch Malerei bleiben menschliche Formen angedeutet.

Möller, 1954 in Zwickau geboren, erhielt seine Bildhauerausbildung von 1975 bis 1980 an der Kunsthochschule Weißensee und ist seitdem freischaffend tätig. Mit der realen Figuration ist er, wie Skizzen zeigen, zwar vertraut, nach anfänglichem Umgang damit wechselte er aber sehr schnell zur weitgehenden Abstraktion. Er präferiert die große kompakte Form, keine ganzheitliche Figuren, sondern nur Torsi, die ihm mehr Freiraum zur Gestaltung lassen.

Möller arbeitet mit Bronze, Stein, Holz, Ton. Lange hat es gedauert, bis er sich dem Stahl zuwandte und zum bevorzugten Material machte. So lassen sich in silberblankem Edelstahl Arbeiten wie „Kugelanschnitt“, „Kopf“ und „Schreitender“ bewundern. Bewusst bleiben Schweißnähte und Kerben ungeglättet als Male erhalten. Die mit reliefartiger Front stelenähnliche Edelstahl/Stahl-Collage „Kleiner Torso“ fasziniert durch die natürlichen Farbunterschiede von Silberblank und zarter Rostpatina.

Aufgelockert und kontrastreich belebt werden die strengen, teils archaischen Skulpturen durch Möllers Malerei, Collage- und Papierarbeiten. Er beherrscht das leichte Material genauso wie das schwere. Stark farbig expressive Tafelbilder wie „Würfelhocker II“ in Spritztechnik sind eher plakative Kompositionen. Faszinierend dagegen die zarten Prägedrucke in schwarz/weiß, die münzenähnlich erhaben gedruckt sind.

Frottagen auf naturweißem Grund, akzentuiert mit schwarzen und rostfarbenen Elementen, bilden den Übergang zu sehr eigenwilligen Papierarbeiten. Fast freischwebend sind die ganz weiß in weiß gearbeiteten „Schnittbilder“ als Wellen, Wolken, Verwerfungen dem Papier anverwandelt. Erdständig die Phantasien zweier Reliefs aus schwarzem, raffiniert geknittertem Papier, zu rechteckigen Gebilden geordnet.

Stephan J. Möller lebt seit 1983 in Hohenbruch bei Kremmen. Er hat unter anderem zwei große Arbeiten für Sachsenhausen geschaffen. Seine Werke finden sich europaweit in Museen und privaten Sammlungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien geehrt.

BÄRBEL WENDT